Haben Sie Lust auf einen der außergewöhnlichsten Dokumentarfilme dieses Jahres: Kein Film – eine Erfahrung!
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In den strahlend blauen Himmel über Beirut wachsen neue Wolkenkratzer mit Traumblick auf das Mittelmeer. Tagsüber werden sie von syrischen Bauarbeitern errichtet. Zu Hause in ihrer Heimat Syrien zerstört der Krieg zur gleichen Zeit ihre eigenen Häuser. In der Nacht zwingt sie eine Ausgangssperre in das Innere der Zementriesen hinabzusteigen. Sie dürfen die Baustelle nicht verlassen. Sie müssen hinunter in die Keller der Betongiganten, wo sie kochen, hoffen, schlafen. 

Der junge syrische Regisseur Ziad Kalthoum hat mit TASTE OF CEMENT – Der Geschmack von Zement ein bildgewaltiges, emotionales und intensives Werk geschaffen, das mehr ist als ein Film – es ist eine Erfahrung.  

Nominiert für den Deutschen Filmpreis 2018

TASTE OF CEMENT – Der Geschmack von Zement und die Möglichkeiten des dokumentarischen Films

Wie schmeckt Zement? Diese Frage kann das Kino nicht beantworten. Ein Film hat nur zwei Möglichkeiten: Töne und Bilder. Der Geschmack von Zement lässt sich in eine filmische Erzählung allenfalls übersetzen. Und auch dann bleibt die Frage, ob man den Zement genau so schmecken würde wie einer der Bauarbeiter, der sich in Ziad Kalthoums Film daran erinnert, wie er im syrischen Bürgerkrieg verschüttet und zum Glück rechtzeitig ausgegraben wurde. Man könnte sich Zement auf die Zunge laden und würde doch niemals den Geschmack finden, den Zement für das Opfer eines Bombardements (oder eines Erdbebens) annimmt, wenn man darunter begraben liegt. 

Im Französischen spricht man von „enterrement“, im Deutschen von Beerdigung, wenn jemand zu Grabe getragen wird. Aber im Krieg geht es meistens nicht um Erde, sondern um die Orte, die der Mensch gebaut hat: um Infrastruktur, um Gebäude, um Eigenheime. Im übertragenen Sinn könnte man sagen: Es geht um all das, was durch Zement zusammengehalten wird. Zement ist ein Bindemittel, Bomben sind ein Zerstörungsmittel. „Der Geschmack von Zement fraß meine Gedanken“, sagt der Bauarbeiter, der sich an seine Zeit als Begrabener erinnert. Der Film von Ziad Kalthoum stellt einen Versuch dar, diese Zerstörung der Gedanken so gut wie möglich rückgängig zu machen. 

Im dokumentarischen Kino gibt es seit jeher eine Spannung zwischen Unmittelbarkeit und Betrachtung. Die Unmittelbarkeit strebt nach dem aktuellen Moment, am besten wäre eine Live-Übertragung und wenn das nicht geht, dann soll zumindest die Wirkung eines solchen Echtzeit-Erlebnisses suggeriert werden. Die Betrachtung geht auf Distanz zum konkreten Moment, sie lässt die Zeit wirken, sie sucht nach Verdichtung des Konkreten. Die neuen Videotechnologien haben es mit sich gebracht, dass diese beiden Pole des dokumentarischen Arbeitens inzwischen noch stärker ausgeprägt sind. 

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TASTE OF CEMENT – Der Geschmack von Zement betont eindeutig eher den Aspekt der Betrachtung, der Kontemplation. Die Kamera von Talal Khoury findet spektakuläre Bilder von Wolkenkratzern in Beirut. Kräne ragen in einen prächtigen Abendhimmel. Halbfertige Geschosse ragen ins Nichts. Der majestätische Gestus, die erhaben wirkenden Bilder erzählen von einer Geschichte, die hinter dem hier und heute liegt. Diese Geschichte kristallisiert sich erst allmählich heraus. Sie gehört den Stimmen aus dem Off. Sie gehört syrischen Bauarbeitern in Beirut. 

Die Trennung von Bild und Stimme gehört zu den klassischen Mitteln des essayistischen Films, also eines „nachdenklichen“ dokumentarischen Kinos. Sie erzeugt einen bestimmten Effekt: Es ist, als würde man sich nachträglich über die Bilder beugen und sich von ihnen zu Gedanken und Erinnerungen anregen lassen. In Ziad Kalthoums Film bekommt diese Nachträglichkeit eine zweifache Dimension: denn die Bauarbeiter, deren Stimmen zu hören sind, teilen ihre Erfahrung mit einer Generation vor ihnen, mit der Generation ihrer Väter, die ebenfalls in Beirut gearbeitet haben. In beiden Fällen ging es darum, einen Krieg zu vermeiden oder dessen Folgen zu beseitigen. 

1990 endete im Libanon ein Bürgerkrieg, 2011 begann in Syrien ein anderer. Die beiden Länder sind benachbart, die Erfahrungen sind vergleichbar. In beiden Fällen war die Konfliktlage unübersichtlich und Großmächte verfolgten ihre eigenen Interessen. In einem herkömmlichen Dokumentarfilm würde man diese Parallelen von Zeitzeugen bestätigen lassen. Man würde vielleicht einen älteren Mann finden, der 1990 in Beirut gearbeitet hat, und würde seine Erzählung mit der eines heutigen „Arbeiters im Exil“ konfrontieren. 

Ziad Kalthoum wählt einen anderen Weg. Er sucht nach einem Erinnerungsbild, in dem er diese beiden Zeitdimensionen und diese beiden Erfahrungen von Krieg verbindet. Er findet es in einer Tapete, die einmal in einer Küche in Syrien eine Wand bedeckt hatte. Auf dieser Tapete war das Meer zu sehen, das in Syrien für die meisten Menschen nicht zum Alltag gehört, während es in Beirut allgegenwärtig ist. Ein Vater hatte diese Tapete aus Beirut nach Syrien gebracht. Für den Sohn wirkt es im Rückblick, als würden ihn die Erinnerungen daran überschwimmen – auch hier kommt der Geschmack von Zement ins Spiel, denn für den Sohn wurde der Geruch seines Vaters unvergesslich. 

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Von diesem intimen Moment aus einer Kindheit vor (und nach) einem Krieg bewahrt Ziad Kalthoum die Essenz auf: eine Gedächtnisspur, die von einer Stimme weitergegeben wird. Während die Bilder der exponierten Bauarbeiter auf den Rohbauten hoch über der Stadt an heroische Filme und Bilder erinnern (zum Beispiel an die Art und Weise, wie Arbeiter nach der Russischen Revolution gefilmt wurden, aber auch an das berühmte Foto von den Arbeitern auf dem noch im Bau befindlichen Empire State Building), verweisen die Erzählungen der Stimme auf einen anderen Typus Film: auf die intime Autobiographie, auf die diskrete Erzählung von den allerpersönlichsten Sachen. Vor allem das französische Kino hat in dieser Hinsicht wichtige Vorbilder geschaffen, zum Beispiel in den Filmessays von Chris Marker oder in den Selbsterzählungen von Agnès Varda. 

In diese Formen der Betrachtung und der melancholischen Erinnerung drängen sich allerdings auch andere Aufnahmen: Dann schaltet Ziad Kalthoum plötzlich um auf Unmittelbarkeit, dann ist sein Film plötzlich in syrischen Ruinenstädten, dann gräbt er (mit den Weißhelmen aus Aleppo, die durch Youtube berühmt wurden) hektisch nach Überlebenden im Schutt eines ehemaligen Hauses. Der Film ist in diesem Moment beinahe „live“, auch mit Bildern, die auf Mobiltelefone geschickt werden, und die im Fernsehen zu sehen sind. 

Insgesamt aber geht Ziad Kalthoum auf Distanz, weil er weiß, dass Krieg und Zerstörung und Friede und Wiederaufbau nur Kapitel in einer langen Geschichte sind. Sein Film (gewidmet allen „workers in exile“) sucht nach einer Form, diese Unsicherheit zuzulassen. Er findet diese Form in der Spannung zwischen Bild und Ton, zwischen Gedächtnisbild und Erzählerstimme, zwischen Himmel und Erde. Der Zement soll eine Brücke bauen, schmeckt aber nach der Zerstörung, die in den Gebäuden schläft, bis sie von der Geschichte geweckt wird. 

„Die einzige Waffe, die ich tragen kann in diesem Leben ist die Kamera.“
— Ziad Kalthoum – LE SERGENT IMMORTEL (2014)
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Ziad Kalthoum

wurde 1981 in Homs (Syrien) geboren. Er hat an der Film-Hochschule in Moskau studiert und dort sein Diplom abgelegt. Danach arbeitete Kalthoum als Regieassistent an mehreren Filmen, Serien und Fernsehprogrammen. Sein Dokumentarfilm-Debüt gab er 2011 mit AYDIL (OH, MY HEART). Ein Jahr später stellte er seinen zweiten Dokumentarfilm THE IMMORTAL SERGEANT fertig, bevor er aus der syrischen Armee desertierte und nach Beirut (Libanon) floh. Der Film hatte 2014 beim Internationalen Filmfestival von Locarno seine Premiere, gewann beim BBC Arabic Festival 2015 einen Preis in der Kategorie „Feature Documentary“ und wurde bei zahlreichen weiteren internationalen Festivals gezeigt. TASTE OF CEMENT – Der Geschmack von Zement ist sein dritter Film. Ziad Kalthoum lebt und arbeitet in Berlin. 

„Ein atemberaubendes filmisches Essay. Eine Tour de Force.“
— Libération
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Regie & Drehbuch: Ziad Kalthoum 

Kamera: Talal Khoury 

Schnitt: Frank Müller 

Produzenten: Basis Berlin Filmproduktion (Ansgar Frerich, Eva Kemme, Tobias Siebert), Berlin und Bidayyat for Audiovisual Arts, Beirut 

Deutschland 2017, 85 Min. 

KINOSTART: 24. MAI 2018

FESTIVALS  

Mittlerweile feierte TASTE OF CEMENT – Der Geschmack von Zement seine Weltpremiere bei einem der renommiertesten Dokumentarfilmfestivals der Welt, dem „Visions du Réel“ in Nyon, das er als „Bester Film“ gewann. Danach folgten bis heute zahlreiche weitere Hauptpreise auf internationalen Filmfestivals. Er wurde auch als Bester Dokumentarfilm für den DEUTSCHEN FILMPREIS 2018 nominiert.  

NOMINIERUNGEN & PREISE

• Sesterce d’Or - Visions du Réel - Nyon, Schweiz (04/2017) 

• Besondere Erwähnung - Festival du Film de La Valette, Republik Malta  (06/2017) 

• Bester Dokumentarfilm -  Mediteran Film Festival, Široki Brijeg, Bosnia    Herzegovina (08/2017) 

• Großer Preis - Doc Alliance (09/2017) 

• Bester Dokumentarfilm - BIAFF - Batumi, Georgien (09/2017) 

• Bester Dokumentarfilm -  Camden International Film Festival, Großbritannien (09/2017) 

• Bester Dokumentarfilm - Open City Documentary Festival, London, Großbritannien (09/2017) 

• Prix « Nouvelle Vague » - Festival International du Film de La Roche-Sur-Yon, Frankreich (10/2017) 

• Bester Dokumentarfilm - Filmfest Hamburg (10/2017) 

 

• Preis der Jury -  Arabisches Filmfestival Tübingen (10/2017)   

• Bester Dokumentarfilm -  Adelaide Film Festival, Australien (10/2017) 

• Auswahl « Best Of Fest » - International Documentary Film Festival 

  Amsterdam IDFA, Niederlande (11/2017) 

• Bester Dokumentarfilm - FRONTDOC, International Film Festival/Aosta, Italien   (11/2017) 

• Preis der Jury - RIDM, Montréal, Kanada (11/2017) 

• Goldener Schlüssel - Kasseler Dokfest, Deutschland (11/2017) 

• Lobende Erwähnung - L’ALTERNATIVA - Festival de Cinema independant de  Barcelona, Spanien (11/2017) 

• Prix «Open Eyes» - MedFilm Festival, Rom, Italien (11/2017) 

• Auswahl Dokumentarfilm  -  European Film Awards, Berlin, Deutschland (12/2017)